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Dekonstruktion fordert Beziehungen heraus
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Wir können gemeinsam wachsen, wenn wir empathisch und reflektiert miteinander unterwegs sind
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Dazu 5 Tipps - habt ihr noch andere Ideen? Teilt sie gern!
Als ich anfing zu dekonstruieren, hatte ich das starke Gefühl, dass überhaupt nichts mehr Sinn ergibt. Ich hatte viel am Christentum auszusetzten und ging praktisch in meinen Fragen unter. Und ich hatte ein großes Mitteilungsbedürfnis. Es ist nicht leicht, als dekonstruierende Person in einem christlichen Umfeld zu existieren – aber andersherum ist es natürlich auch absolut nicht leicht, als Christ mit jemanden Leben zu teilen, der dekonstruiert. Als Christ jemanden zu begleiten, der dekonstuiert, kann sehr herausfordernd sein und die Beziehung erheblich belasten.
Ich hatte den Luxus, Menschen um mich herum zu haben, die bereit dazu waren, mit mir zusammen zu lernen, wie man solche Beziehungen praktisch lebt. Es gab und gibt natürlich keine leichte Lösung, die für alle Beziehungen anwendbar ist. Es ist ein Lernprozess mit vielen Hochs und Tiefs, Verletzungen und neuer Verbundenheit und so ziemlich allem dazwischen.
Willkommen im Leben.
Im Folgenden habe ich 5 Tipps für die Gestaltung von solchen Beziehungen zusammengestellt. Wenn du noch weitere Hinweise hast, schreib sie gern in die Kommentare!
Stell dir eine Freundschaft zwischen Lisa und Paula vor, die aus derselben Gemeinde kommen und eine enge Freundschaft führen, die sich aber verändert hat, seitdem Lisa angefangen hat zu dekonstruieren.
1. Verzicht auf Überzeugungsversuche
Zunächst einmal ist es auf beiden Seiten natürlich, die anderen überzeugen zu wollen. Lisa als Dekonstruierende hat gerade das Gefühl, super viel Neues zu entdecken, zu verstehen oder auch nicht mehr zu verstehen. Paula glaubt aus ihrer Perspektive sogar manche Dinge, die schädlich sind – natürlich möchte Lisa, dass ihr Gegenüber bereit dazu ist, Einstellungen zu verändern und Dinge zu hinterfragen! Paula als „Glaubende“ hingegen möchte das Wichtigste in ihrem Leben wieder mit Lisa teilen können. Für sie ist Jesus Zentrum ihrer Existenz und bildet die Grundlage für Entscheidungen verschiedenster Lebensbereiche. Hinzu kommt natürlich, dass sie sich um die Ewigkeit ihres Gegenübers sorgt!
Im Christsein spielt das missionarisch sein eine große Rolle – es ist Teil der DNA des christlichen Glaubens. Und weil diese Haltung den Menschen, die in der evangelikalen Bubble aufgewachsen sind oder ihren Lebensmittelpunkt in ihr finden, ins Blut übergegangen ist, ist es ein sehr natürlicher Impuls, den anderen mit dem Evangelium zurückgewinnen zu wollen.
Das Ding ist: Paradoxerweise kann es sein, dass genau dieselbe Haltung mit anderem Inhalt von dem Dekonstruierenden eingenommen wird. Wenn ein Mensch gelernt hat, evangelistisch oder missionarisch auf die Welt zu schauen, kann es gut sein, dass diese Eigenschaft auch bleibt, wenn man eine neue Position vertritt.
Wenn sich beide Beteiligten dieser Neigung bewusstwerden und sich bewusst dafür entscheiden, den missionarischen Teil erstmal hinten anzustellen, wird es wesentlich leichter, ein wertschätzendes und respektvolles Miteinander zu gestalten.
2. Offene Kommunikation von Grenzen
Es kann gut passieren, dass die Dekonstruktion Lisa so einnimmt, dass sie kaum noch von etwas anderem spricht. Das ist für Paula äußerst herausfordernd, weil sie dauerhaft mit Anfragen, Unstimmigkeiten u. Ä. konfrontiert wird, die mit den Glaubensüberzeugungen auch ihre Identität angreifen: Das ist vielleicht weder Lisa noch Paula direkt klar, weil sich die Kritik nicht gegen Paula direkt richtet, aber es trifft sie dennoch persönlich.
Wie viel man an dem Prozess der Dekonstruierenden Person teilhaben kann und möchte ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, klar zu äußern, wenn man sich angegriffen fühlt oder erst einmal solche Gespräche nicht mehr führen will. Das Thema kann die Beziehung belasten, weshalb es notwendig ist, Grenzen zu setzten – beiderseits. Dennoch ist es wichtig, das Thema nicht völlig auszublenden. Denn auch das kann der Beziehung schaden.
3. Angst hinterfragen
Nach einigen herausfordernden Gesprächen reflektiert Paula, was ihre Irritation gegenüber den Anfragen Lisas auslöst: Es ist Angst. Das lässt sie manchmal härter oder weniger offen auf die Anfragen reagieren, als Lisa es sich wünschen würde. Angst hat eine wichtige Funktion und sollte beachtet werden: Sie möchte uns schützen.
Überforderung ist vorprogrammiert, wenn Angst um den eigenen Glauben oder um das Heil des anderen die Reaktion auf Anfragen sind. Es kann eine befreiende Erkenntnis für Menschen wie Paula sein, sich von der Last loszusagen, alle Fragen mit stellen oder sogar Antworten haben zu müssen. Es kann heilsam sein, „Ich weiß es nicht“ zu sagen und sich dabei bewusst zu werden, dass man es auch nicht wissen muss.
Paula darf sich immer wieder daran erinnern, dass sie nicht für Lisas Glauben verantwortlich ist. Gott ist die Liebe und Liebe treibt Angst aus. Gott ist für Lisa verantwortlich.
4. Wut nicht projizieren
Lisa ist wütend. Aber da Wut auf Ideen abstrakt und schwer auszuhalten ist, bekommt Paula Teil der Wut ab, auch wenn sie nicht sonderlich viel dafürkann. Die Wut ist echt, und sie ist Energie, die etwas in Bewegung setzten möchte.
Die dekonstruierende Person wie Lisa sollte sich fragen, wogegen sich ihre Wut wirklich richtet. Vielleicht kann sie die wütende Energie konstruktiv einsetzen. Durch Kunst, Ehrenamt oder klärenden Gesprächen mit Menschen, die für die geistliche Prägung verantwortlich waren.
Wenn Lisa die Wut an Lisa auslässt, wird die Beziehung unnötig belastet. Deshalb kann es auch hier hilfreich sein, offen darüber zu reden und zu klären, was hier wirklich zwischen beiden steht.
5. Freundschaft über Einigkeit stellen
Paula und Lisa sind einander wichtig. Der ehemals kleinste gemeinsame Nenner der Beziehung ist weggebrochen. Aber die Beziehung nicht: Beide lernen, in der Verschiedenheit Einheit in den Werten zu finden. Ehrlichkeit. Zuverlässigkeit. Empathie. Auch nach dem Verlust gemeinsamer Glaubensüberzeugungen oder in Umbruchszeiten gibt es viel, was Menschen weiter verbinden kann! Man kann weiter miteinander wachsen. Vielleicht wird die Beziehung durch diese Zeit sogar noch tiefer, als sie es vorher war!
Lisa und Paula sind weiter befreundet. Der herausfordernde Prozess Lisas, der Wellen in ihrem Umfeld schlägt, birgt auch für die Freundschaft zu Paula eine Chance, wenn offen, mit ehrlichem Interesse und geteilten Werten kommuniziert wird.
Hier zum Abschluss noch eine PDF mit Journaling-Fragen für beide Seiten der Freundschaft – vielleicht auch als Anregung zum Austausch miteinander?
Was ist euch zu dem Thema noch wichtig? Lasst es mich gern in den Kommentaren wissen!
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