The Deconstructing Bee

Implizite Theologie: Die Monopolvorstellung christlicher Kultur

Lesezeit: 6 Minuten

In Short

  • Theologie wird nicht nur explizit vermittelt: Welches Bild vom Unglauben wird implizit weitergegeben?
  • Manche Annahmen führen dazu, dass anderen der Zugang zu positiven Lebenserfahrungen abgesprochen wird.
  • Ich erkunde diesen Teil der christlichen Kultur mit verschiedenen Mitteln - von Liedanalyse bis zu evolutionstheoretischen Ansätzen ist einiges dabei.

Wenn du dekonstruiert hast, kennst du folgendes Gefühl vielleicht auch: Du erlebst positive Emotionen im Alltag und erwischst dich dabei, wie du so etwas denkst wie: „Diese Emotionen, diese Verbundenheit oder die Tiefe stehen mir nicht zu.“ Ich hab viel darüber nachgedacht, wo das herkommt. Dieser Versuch der Reflexion christlicher Kultur zeigt eine Möglichkeit der Ursache dieses Phänomens auf. 

In einem meiner Klinikaufenthalte letztes Jahr habe ich Seelsorge in Anspruch genommen und von meinen Zweifeln und meinem Glaubensverlust berichtet. Mir saß ein älterer Mann mit zugekniffenen Augen gegenüber, der mir riet, „zum verlorenen Sohn“ zu werden. Ich solle auf die Wiese meines Lebens gehen und mir Blumen pflücken. „Dann werden Sie ja sehen, wie schnell sie vertrocknen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er mit einem Schulterzucken hinzu: „Trockenblumen sind auch ganz schön!“

 

Das Bild fasste eigentliche treffend zusammen, warum ich nicht zum verlorenen Sohn werden wollte: Ich wollte nicht von Gott weg, weil es bei ihm alles Positive gab, von ihm abgeschnitten aber nicht. Rückblickend verbildlicht das sehr gut, was einige Menschen im Christentum hält.

Implizite Theologie

In der Vermittlung von Theologie werden nicht nur positive Aussagen wie: „Gott ist gut“ oder „Er bereichert mein Leben“ getroffen: Explizit oder auch nur implizit wird deutlich:

Nur Gott ist gut.“

Nur in ihm gibt es das wahre Leben.“

Nur durch Gott gibt es wahre Liebe.“

Jesus ist die einzig wahre und gute Antwort auf alle menschlichen Bedürfnisse.“

Das wird natürlich selten so klar gesagt. Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe C.S. Lewis, der in seinem Werk „Die große Scheidung“ im 11. Kapitel sagt:

„Du kannst dein Mitgeschöpf nicht wahrhaft lieben, solange du Gott nicht liebst.“ (S.99))

Viel häufiger wird Theologie implizit vermittelt. Dadurch, wie häufig über welches Thema gepredigt wird. Dadurch, in welchem Tonfall über welche Taten oder Bevölkerungsgruppen gesprochen wird. Durch das, was man nicht erklärt, weil man es voraussetzt. Durch die Liedauswahl, die Kleiderordnung, den Umgang mit anderen Gemeinden und vieles mehr. Wie so oft spricht die Art und Weise, in der man über Dinge spricht, lauter, als das, was man eigentlich sagt. Alles ist aussagekräftig, ob man das möchte oder nicht. Auch ohne die direkte Vermittelung einer Meinung zu einem bestimmten Thema hat man eine Idee davon, was man dazu zu vertreten hat.

 

Ein Thema, über das vielleicht in Gemeinden eher implizit gesprochen wird, ist der Zustand des Unglaubens. „Die Welt“ ist oft das Gegenüber in Predigtmetaphern oder Erlebnisberichten im Gottesdienst. So wird Stück für Stück ein Bild von dem Ungläubigen gemalt. Dieses geprägte Bild erschwert das Dekonstruieren, weil man es internalisiert hat.

 

Lass es mich an der beispielhaften Gemeindebiografie von Erik erklären. Dabei berücksichtige ich der Übersichtlichkeit halber nur seine Gemeindeprägung. Eriks Familie ist Teil einer lebendigen Gemeinde. Er nimmt das volle Programm von Kindergottesdienst bis zum Jungen-Erwachsenen-Programm mit.

Durch das separate Kinderprogramm während der Predigt prägen ihn für die ersten Jahre also erstmal nur die Lobpreislieder. Ich bezweifle, dass klein Erik sich bewusst Gedanken über Nicht-Christen macht, aber wenn man direkt fragen würde, was würde er schon nur aus den Lobpreiszeiten für ein Bild gewinnen?

Das Bild des Gottlosen im Lobpreis

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, das gängige „Feiert Jesus 5“ Liederbuch auf Aussagen über den Zustand ohne Gott zu untersuchen. Natürlich muss ich voranstellen, dass es sich im Großteil der Fälle nur um die Darstellung der eigene Situation vor der Bekehrung handelt. Ich kann nicht beweisen, dass die Aussagen verallgemeinernd gemeint sind und ich möchte niemandem seine Erfahrung absprechen. 

 

Dennoch ist ein wiederkehrendes Schema zu erkennen: Viele Lieder beginnen mit einer Strophe, die den schlimmen Zustand vor der Bekehrung beschreibt. Nie wird auch nur ein positives Wort über das Leben „ohne Gott“ verloren. Nun könnte man meinen, dass liege in der Natur von Lobpreis, schließlich ginge es um Gott und seine Beziehung zum Menschen. Dagegen habe ich wenig einzuwenden; dennoch sollte man sich bewusst machen, das diese impliziten Aussagen mindestens ein Ungleichgewicht in der christlichen Wahrnehmung von Nicht-Gläubigen schafft.

 

Um zu zeigen, wie ich vorgegangen bin, hier das allseits bekannte Lied „Amazing Grace“ von John Newton als Beispiel:

“Amazing grace, how sweet the sound

That saved a wretch like me

I once was lost, but now I am found

Was blind, but now I see”

Was sagt diese Strophe über den Zustand des Menschen ohne Glauben aus? Er ist mindestens einmal verloren und blind.

 

Diese weiteren Eigenschaften kommen häufig vor:

Nicht-Glaubende

  • … leben in Dunkelheit (u.a. Great Are You, Lord David Leonard (All Sons & Daughters) 2012 )
  • … sind zerbrochen/ gebrochenen Herzens (u.a. Alive, Alexander Pappas, Aodhan King (Hillsong) 2012; Broken Vessels, Joel Housten/Jonas Myrin (Hillsong) 2014)
  • … sind tot (u.a. New Day, Nick Herbert, Ben Cantelon 2011)
  • … sind rastlos & suchend (u.a. Good Good Father, Chris Tomlin, Pat Barrett, Anthony Brown 2014)
  • … sind von Angst/Lüge/whatever versklavt (u.a. No longer Slaves, Brian Johnson (Bethel) 2014/ Rooftops, Ben Williams (Jesus Culture) 2010)

Implizit sind sie außerdem

  •  … traurig und engen Herzens (u.a. Du bist treu, Arne Kopfermann 2015)
  • … egozentrisch (u.a. Ich sag Ja zu dir, Sefora Nelson, Arne Kopfermann 2015
  • … unruhig (u.a. In deiner Gegenwart, Samuel Holzhäuser, 2015/ Vor dir, Anni Barth, 2013)
  • … in einem Leben ohne Schönheit und mit verengtem Horizont (u.a. Schön, Arne Kopfermann 2013)

Zusammenfassend ist es wahrscheinlich, dass sich klein Erik den Nicht-Christen als depressiven, unerfüllten Menschen vorstellen könnte. Wahrscheinlich würde er auch schon wissen, dass Jesus derjenige ist, der besagte Eigenschaften umkehrt. Bei Jesus können all diese Defizite aufgefüllt werden, wie beispielsweise die erste Strophe des Sommerlagerschlagers „Du tust“ zeigt:

Meine Seele sucht Heimat, mein Herz sucht Glück,

doch wo immer ich hingeh, geht´s mal vor und mal zurück,

ich sehn mich nach Frieden, was ich auch tu,

am Ziel meiner Suche stehst Du.

Mein Freudeschenker, mein Heimatgeber,

mein Glücklichmacher und mein Schuldvergeber,

mein Friedensbringer und mein Worteinhalter,

mein Liebesspender bist Du.

Der Gottlose in der Predigt

Mit Beginn des biblischen Unterrichts nimmt der Jugendliche Erik dann an den ganzen Gottesdiensten teil. In der Gemeinde wird großen Wert auf die evangeliumszentrierte Predigt gelegt. Die Homiletik (Predigtlehre) ist geprägt von Menschen wie Timothy Keller, der in seinem Buch „Predigen“ zwei Modelle für die Predigtdynamik einer Auslegungspredigt vorschlägt:

1) Das erste Modell besteht aus 3 Punkten, die folgendes enthalten (vgl. Keller, Predigen, 213-214):

1.1. Wie zeigt der Predigttext, dass Sünde das Leben durcheinandergebracht hat/ Wir in einer gefallenen Welt leben?

1.2. Wir schaffen es nicht, das Problem zu lösen

1.3. Wie löst Jesus das Problem

2) Das zweite Modell besteht aus 5 Punkten (Zitat Keller, Predigen, 215.)

2.1. Einleitung: Was das Problem ist; unser zeitgenössischer kultureller Kontext: Wir haben folgendes Problem … 

2.2. Erste Predigtpunkte: Was die Bibel dazu sagt; der kulturelle Kontext der ursprünglichen Adressaten: Folgendes müssten wir tun …

 2.3. Mittlere Predigtpunkte: Was uns hindert; der Zustand des Herzens der heutigen Adressaten: Warum wir es nicht schaffen.

2.4 Spätere Predigtpunkte: Wie Jesus das Problem gelöst hat, und zwar bis in die Tiefen des Herzens hinein: Aber Jesus hat es geschafft.

2.5. Anwendung: Wie wir als Menschen, die an Jesus glauben, leben sollen.

Punkte 1.2. und 2.3. erklären, wie „die Welt“ versucht, das Problem zu lösen – immer mit der Schlussfolgerung, dass sie es nicht schafft. Demnach hat Erik Sonntag für Sonntag gehört, wie man ohne Jesus im Leben scheitert. Wie Menschen ohne Gott erfolglos versuchen, ihre Existenz zu meistern. Damit wird das Klischee des Ungläubigen immer weiter gefüttert. Und all das, ohne überhaupt mit biblischen Inhalten anzufangen: Da wird das Feindbild Unglauben natürlich tiefgreifend verstärkt.

(un-)beabsichtigte Konsequenzen?

Ganz grundlegend lassen sich diese Beobachtungen bereits innerchristlich problematisieren: Schließlich prägen Liedgut und Predigtstil die Erwartungen an Gott. Durch unreflektierte implizite Theologie entstehen Gottesbilder, die nicht den eigentlichen theologischen Vorstellungen der Gemeinde entsprechen.

 

Eine „Nebenwirkung“ ist, dass die Hemmschwelle des Zulassens von Zweifeln in dieser Prägung enorm hoch ist. Denn wer will schon gern verloren, blind, tot usw. sein? Wenn der Mensch ohne Glauben zugleich das Mitleidsobjekt und das Negativbeispiel ist, macht das die Hürde zu dekonstruieren sehr hoch. Aber nicht nur die christliche Perspektive auf den Nicht-Glaubenden zählt, sondern auch die darunterliegende Aussage:

„Da draußen in der Welt ist nichts zu holen. Alle Versuche, sich ein Leben ohne Gott aufzubauen, sind zum Scheitern verurteilt.“

Was macht es dann mit Erik, wenn er dann doch ins Zweifeln kommt?

Thought Terminating Cliché

Ich höre gern 21 Pilots. Einige ihrer Lieder haben mir beim Dekonstruieren geholfen. „Doubt“ ist ein Lied, über das ich sehr viel nachgedacht habe. Eine Zeile des Refrains lautet:

„Even when I doubt you, I´m no good without you“

Das fasst einen der Gedanken zusammen, der den Zweifeln Grenzen setzt. Im Englisch gibt es einen Begriff dazu: Thought Terminating Cliché. Es wird im Deutschen mit Totschlagargument übersetzt, aber ich finde, der englische Begriff drückt besser aus, was das ausmacht. Diese Glaubenssätze verhindern das Weiterdenken. Je mehr von ihnen ein Glaubenssystem hat, desto schwieriger ist es, das Ganze zu hinterfragen.

 

Es gibt eine Theorie der kulturellen Evolution, die ich in diesem Zusammenhang spannend finde. Dafür muss ich ein bisschen ausholen: Genetische Informationen werden über die DNA weitergegeben. Die Gene sind den Evolutionsfaktoren ausgesetzt. Es gibt Mutation, Rekombination, Isolation, Gendrift und Selektion. So setzen sich, sehr vereinfacht gesagt, die am besten angepassten Gene durch.

 

Der Biologe Richard Dawkins hat in seinem Buch „Das egoistische Gen“ die Evolutionstheorie auf Ideen angewandt. Er nannte das kulturelle Pendant zum Gen „Meme“. Der Theorie zufolge sind verschiedene Ideen unterschiedlich überlebensfähig und ansteckend. So wie Gene in Komplexen existieren, könne das bei Ideen auch die Überlebensfähigkeit steigern. Stark vereinfacht gesagt könnten Religionen oder Konfessionen Meme-Komplexe sein.

 

Manche Meme-Komplexe setzen sich besser durch als andere: Besonders langlebig machen die „Thought Terminating Clichés.“ (An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass das eine naturalistische Erklärung für die Verbreitung von Gedankenkomplexen ist. Und es ist nur eine Theorie. Sobald man etwas Transzendentes in das System einwirken lässt, ist die Theorie weniger verlässlich. Denn ich kann weder be- noch widerlegen, dass ein Gott für die Verbreitung der christlichen Idee(n) zu verantworten ist. Wenn du davon ausgehst, kannst du trotzdem weiterlesen – behandle es dann einfach wie ein Gedankenexperiment)

 

„Da draußen ist nichts zu holen“ ist nur ein Beispiel für Thought Terminating Clichés im Christentum. Wenn es wahr ist, ist das natürlich völlig wertfrei – denn dann ist es Gottes Sache, inwiefern er sich und seine Wege verstehbar macht. Wenn es wahr ist, ist alles Beschriebene nur die Beobachtung einer Dynamik, die dazu führt, dass Christen Christen bleiben. Und dann ist das für den Durchschnittschristen nichts Schlechtes.

 

Wenn es aber nicht wahr ist, ist es einfach nur ein Gedanke, der Menschen in einem System hält. Dann ist der Gedanke, da draußen sei nichts positives zu finden, ein brilliantes Tool, um ein Gefängnis ohne Gitter zu erbauen. Das macht den Ideenkomplex ziemlich überlebensfähig.

 

Aber, unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Christentums, macht die folgende Beobachtung nicht nur das Dekonstruieren, sondern auch die Gemeinschaft von Christen mit Nicht-Glaubenden schwierig.

Niemand hat das Monopol

Die (implizite) Behauptung, Christen hätten alles Gute für sich gepachtet, ist schlichtweg falsch. Tatsächlich führen Menschen auch ohne Gott glückliche Leben. Überraschenderweise ist nicht jeder Atheist, Hindu oder Moslem depressiv.

Freude ist nichts rein Christliches.

Liebe auch nicht.

Weisheit, Dankbarkeit, Verbundenheit, Tiefe, Hoffnung, Wahrheit,

ja, sogar Sinn gibt’s „da draußen“ auch.

Das ist Teil des Menschseins.

Das „Wir-gegen-die“-Ding (oder christlich gekleidet: „Wir-für-die“) ist auch menschlich. Ein klassischer Fall des In-Group-Out-Group-Bias. Der Lobpreis und die Predigten, die genau diese Verzerrung füttert, sehen sehr nach Mensch aus. Von einem Gott würde ich mehr erwarten, aber zur Kommunikation Gottes habe ich an anderer Stelle schon geschrieben.

Von Institutionen wie Kirchen erwarte ich ein gesundes Maß an Reflexion menschlicher Tendenzen. Daran anschließend auch den stetigen Versuch, ihre Strukturen so zu bauen, dass genau diesen Intuitionen entgegenzuwirken. 

Wenn du in einer Gemeinde aktiv bist, möchte ich dich dazu ermutigen, darüber nachzudenken, was du explizit oder implizit über Menschen anderer Weltanschauungen aussagst. Welches Bild von Menschen, die nicht glauben, pflanzt du in die Köpfe der Menschen, denen du dienst? Welche Gedanken sollen die sein, die Menschen wie Erik in seinem Dekonstruktionsprozess plagen oder prägen?

Du hast einen Einfluss darauf.

Selbstverständlich ist dieses Gruppendenken ist kein rein christliches Ding. Mich betrifft das genauso wie den Pastor einer Freikirche. Deshalb zum Schluss noch ein Appell an uns Menschen: Lasst uns nicht alles, was anders ist als wir selbst, in die böse, falsch, oder verloren Schublade stecken. Weder du als ChristIn, ich als Atheistin oder irgendwer sonst hat ein Monopol für Werte und Erfüllung. Lasst uns einander nicht gesamte Emotionsfelder absprechen. Werte absprechen. Lasst uns Fragen stellen und wirklich verstehen wollen.

Das ist vielleicht mein spekulativster Beitrag bisher. Kannst du mit den Ideen etwas anfangen? Was denkst du zu dem Thema? Schreib es mir gern in die Kommentare!

 

Du hast einen (Rechtschreib-)Fehler gefunden? Dann kannst du ihn mir ganz einfach mitteilen, indem du die Textstelle markierst und Strg und Enter drückst. Dann öffnet sich ein Kommentar- und Bestätigungsfeld, damit du im Falle eines inhaltlichen Fehlers erklären kannst, was du meinst. Vielen Dank schonmal!

Ähnliche Beiträge:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

×

Spelling error report

The following text will be sent to our editors: