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Vor der Frage nach dem Umgang mit Homosexualität kann sich keine Gemeinde mehr drücken - die Reaktionen werden hier genauer angeschaut.
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Wenn du an der theologischen Debatte interessiert bist, habe ich einige Hör- und Leseempfehlungen. Außerdem zeige ich Probleme der gängigsten Position auf.
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Theologie hat Konsequenzen - einige Implikationen findest du im Schlussteil.
Vor einigen Monaten hat Jubilee, ein YouTube-Kanal, hat in dem Format „Middleground“ ein Video mit dem Titel „Can you stop being gay?“ veröffentlicht. Es gab „ex-gay‚s“ und „gay‚s“, die sich zu verschiedenen Thesen positionieren sollten und miteinander diskutierten. Das Video hat mich aus mehreren Gründen nicht mehr losgelassen: Einer dieser Gründe war nur ein Nebensatz eines Diskutanten, der in etwa fragte:
„Habt ihr schonmal dafür gebetet, dass ihr aufhört, homosexuell zu sein? – also ich meine natürlich, ob ihr jemanden dafür habt beten lassen, selbstverständlich hat jeder von uns schon versucht, seine sexuelle Orientierung wegzubeten.“
Es stand in dem Kontext außer Frage, dass jede Person in diesem Raum versucht hatte, „das“ loszuwerden. Darüber musste nicht einmal geredet werden. In dem Moment hat mich das traurig gemacht. Nicht, weil es mich überrascht hat, sondern weil es mir einleuchtete. Ich hatte es nur noch nie als so selbstverständlichen Common Ground in dieser Bevölkerungsgruppe betrachtet.
Es macht mich nicht nur traurig, sondern auch wütend. Ich bin ein pragmatischer Mensch. Wenn etwas ineffektiv ist, ärgert mich das. „Pray-The-Gay-Away“-Aktionen sind absolut ineffektiv. Aber mehr als das: Es ist sogar schädlich. So sehr, wie in evangelikalen Kreisen auch gegen das Verbot von Konversionstherapie gewettert wurde: Es ist aus guten Gründen verboten worden. Zu versuchen, seine sexuelle Orientierung zu ändern, ist nicht nur emotionale Energieverschwendung, sondern verursacht echte psychische Schäden. Menschen leiden darunter.
Theologie - Empfehlungen und Gedanken
Ich werde hier nur kurz das theologische Fass aufmachen. Wenn du ChristIn bist, möchte ich dich an dieser Stelle nur dafür sensibilisieren, dass es auf beiden Seiten der theologischen Diskussion Menschen gibt, die die Bibel als Gottes Wort lieben und die entsprechenden Stellen in tiefschürfender Weise angeschaut haben.
Hier zwei Buchempfehlungen von Menschen, die persönlich betroffen sind und die Bibel hochhalten, aber auf verschiedenen Seiten landen: Für die konservative Position lege ich dir „Vertrautheit Wagen“ von Ed Shaw und für die liberale Position „Streitfall Liebe“ von Valeria Hinck ans Herz.
Für diejenigen, die lieber Podcasts hören, hier ein paar Links:
Für die Darstellung der konservativen Position findet man viel, hier nur ein kleiner Einblick: Unbelievable? bringt verschiedene Positionen zusammen, hier zum Thema Bibel und hier zum Thema Kirche. Living Out ist ein Podcast von queeren Menschen, die sich gegen das Ausleben ihrer Sexualität entschieden haben.
Auf theologisch liberalerer (und dennoch eher evangelikaler) Seite geben diese Folgen von Karte und Gebiet in zwei Teilen einen Überblick. Auch Worthaus hat zwei Folgen, in denen die Problematik einmal in Bezug auf die Bibel und einmal im Zusammenhang mit der Kirche thematisiert wird.
Es bleibt festzuhalten, dass sich biblisch beides vertreten lässt. Meines Erachtens ist es auch nicht sinnvoll, mit der Kirchengeschichte zu argumentieren. In die Kategorie „Arroganz der Moderne“ fallen potenziell nämlich auch Dinge, die heute weniger umstritten sind: Die Frauenfrage und das Anliegen, Kinder nicht zu schlagen, fallen mir sofort ein. „Es war aber 2000 Jahre anders“ gilt also, wenn überhaupt, auch in Bezug auf die „modernen“ Antworten auf diese Fragen.
Es ist kein Zufall, dass Menschen ihre Position zur Homosexualitätsfrage hinterfragen, wenn sich jemand in ihrem Umfeld outet. Dann wird ihnen bewusst, dass es sich nicht in erster Linie um eine exegetische und hermeneutische Frage handelt.
Sobald die Konsequenzen deiner Exegese einem Gesicht zugeordnet werden, kommt eine andere Ebene hinzu. Gute Exegese braucht dieses Gesicht.
In der aktuellen Diskussion ist das Thema so politisch aufgeladen, dass die Gesichter dadurch wieder verloren werden. Wo auch immer du zu dem Thema stehst, ich habe eine Bitte an dich: Vergiss nie, dass es um Menschen geht.
Die beliebte Zwischenposition
Mittlerweile hat sich ein großer Teil der evangelikalen Gemeindelandschaft wenigstens soviel Verständnis angeeignet, dass eingesehen wird, dass „das“ einfach ein Teil „dieser Menschen“ ist. Ein Teil, der akzeptiert werden muss – aber nicht ausgelebt werden soll. Homosexualität ist Sünde, homosexuelles Empfinden nicht. So weit, so gut. Aber wirklich gut ist diese mechanische Trennung aus meiner Perspektive aus drei Gründen nicht:
Erstens: Wenn wir uns die theologische Ebene anschauen, ist das Konzept „nicht biblisch“. Um Jesus zu zitieren:
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; … Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen.« Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.“ (Mt 5,21-22a; 27-30)
Also: Schon die Wut und der lüsterne Blick sind sündig. (Das ist auf verschiedensten Ebenen fragwürdig, aber dazu ein anderes Mal mehr.) Soviel für jetzt: Die Trennung von Intension und Sünde kann zur Begründung schwer biblische Maßstäbe heranziehen. Wenn das für andere Sünden gilt, warum dann bei der Homosexualität eine Ausnahme machen?
Zweitens: Die Position führt die Übersexualisierung von homosexuellen Menschen weiter. Klar spielt Sexualität in ihren Beziehungen eine Rolle, aber wie würden sich heterosexuelle Paare fühlen, wenn in jeglichen Diskussionen über ihre Partnerschaften nur über ihr Sexleben und ihre sexuelle Anziehung gesprochen werden würde? Auch „diese Menschen“ verlieben sich in den ganzen Menschen. Verlieben ist etwas Ganzheitliches, und partnerschaftliche, treue Liebe erst recht.
Wenn zwei Männer händchenhaltend durch die Straßen laufen, sieht man ihre „Homosexualität“. Wenn man einen Mann und eine Frau an sich vorbeilaufen sieht, die sich an den Händen halten, würde man das nicht als Ausdruck ihrer Sexualität einordnen. Wahrscheinlich würde man es überhaupt nicht einordnen, weil es nicht auffallen würde. Homosexuelle Paare sind Paare. Paare, die ein Leben haben. Paare, die nicht mehr oder weniger sexuell sind als die heterosexuellen Paare in ihrem Umfeld.
Drittens: Wo verläuft in der theologischen Ethik der Menschen mit besagter Position die Grenze von homosexuellem Empfinden und Verhalten? Ist es sündig, eine Person des eigenen Geschlechts attraktiv zu finden? Sich emotional zu ihr hingezogen zu fühlen? Sich in sie zu verlieben? Ihr nah sein zu wollen? Ihr sexuell begegnen zu wollen? Wo auch immer du in diesem Prozess die Grenze ziehst, es ist willkürlich. Jegliche Grenze ist schwammig, wenn es um „Gedankenverbrechen“ geht.
Selbst die christliche Person, die der Auffassung ist, nur der „homosexuelle Lifestyle“ sei falsch, findet sich in einem Definitionssumpf wieder: Was genau zählt jetzt dazu? Nur sexuelle Akte? Oder schon Küssen? Darf man in einer nicht-sexuellen Partnerschaft leben? Darf man Beziehungen eingehen? Welcher Teil des Alltags eines homosexuellen Menschen zählt denn jetzt als „homosexueller Lifestyle“?
„Du darfst es dir wünschen, aber nicht so sehr, dass du es in die Tat umsetzen willst“ funktioniert in keinem Umgang mit anderen „Sünden“. Niemand würde sagen: Dein Verlangen, deinen Chef zu töten ist an sich völlig okay, darfst du eben nur nicht wirklich in die Tat umsetzen. Wir als Menschen funktionieren so, dass wir schon Ideen negativ konnotieren und nicht erst deren Umsetzung. Das zu trennen ist schwierig, wenn nicht sogar unmöglich.
Wozu führt das? Dazu, dass „diese Menschen“ trotz der theoretischen Idee, dass es doch eigentlich nicht falsch sei, „so“ zu empfinden, im praktischen Alltag von Gewissensbissen und Scham begleitet werden. Und nun handelt es sich ja nicht um eine kleine Situation, in der man versucht ist, von seinem Banknachbarn abzuschreiben. Es handelt sich um einen gesamten Lebensbereich, den sie negativ konnotieren. Jegliches Gefühl der Anziehung zum eigenen Geschlecht wird mit „falsch“ behaftet – mit der ironischen Konsequenz, dass es Betroffene noch mehr beschäftigt.
Wenn man seine sexuelle Orientierung moralisch neutral betrachtet, kann man einfach der Straße an einer attraktiven Person vorbeigehen, das wahrnehmen und dann geht der Tag weiter. Wenn ein Mensch, der auf Menschen des eigenen Geschlechts steht, das aber sofort negativ konnotiert und denkt, dass er oder sie das nicht so empfinden sollte, geht der Tag nicht einfach weiter: Es entsteht ein Haufen (unnötiger) negativer Emotionen.
Die weitreichenden Konsequenzen
Häufig kommt in diesem Zusammenhang das Argument: Wir sitzen alle im selben Boot. Wir haben alle Versuchungen. Im Sinne von: „Du struggelst mit Homosexualität, ich struggle mit Jähzorn.“ Das gehöre ja auch irgendwie zur Identität. Und heterosexuelle Christen seien ja auch im Ausleben ihrer Sexualität eingeschränkt.
Es gibt dennoch einen riesigen Unterschied dazwischen, ob man homo- oder heterosexueller Single ist. Letzterer darf sich verlieben. Darf wahrnehmen, dass er jemanden attraktiv findet. Darf seine Sexualität als Teil der Identität wahrnehmen. Anders der Homosexuelle: Dessen gesamte sexuelle Ausrichtung ist sündig, und wenn nicht sündig, wenigstens falsch. Es wäre in keinem Fall richtig, seine Sexualität auszuleben. Das wird immer ein „nicht erlöster“ Teil seines Menschseins sein. Vielleicht sogar ein Teil, den er in seiner theologischen Tradition nicht als Teil seiner Identität betrachten darf.
Und das ist der Punkt: In jeder Position, auch denen, in denen die Orientierung geduldet wird, wird sie negativ konnotiert. Ich habe in allen möglichen Büchern gelesen, Homosexualität sei genauso falsch wie Ehebruch, Vergewaltigung und Pädophilie. Diese Vergleiche entkräften jede eingebildete Erleichterung, die in der Aussage: „Das Empfinden an sich ist keine Sünde“ übermittelt werden soll. Wenn man „diese Menschen“ mit Straftätern und Untreuen in einen Topf wirft, hilft es wenig, zu sagen: „Du darfst aber so empfinden.“
Die Unterscheidung ist hier offensichtlich:
- Ehebruch schadet dem betrogenen Partner.
- Vergewaltigung schadet dem Opfer.
- Pädophilie genauso.
- Homosexualität?
Konsensuelle Homosexualität schadet niemandem. Es sei denn, man führt eine unüberprüfbare Kategorie von geistlichem Schaden in die Diskussion ein.
Die heiße Herdplatte
Bevor ich meinen Glauben verloren habe, war das ein Thema, zu dem ich bereits meine Meinung geändert hatte. Ich habe mich lange damit auseinandergesetzt. Letztendlich war es mein Gottesbild, das mich dazu gebracht hat, meine Sicht in der Frage zu verändern. Als ich noch glaubte, hatte ich die Vorstellung von einem Gott, der es vollständig gut mit den Menschen meint. Ich war davon überzeugt, dass Gebote sowas wie die Warnung vor einer heißen Herdplatte sind.
Das ist ohne Frage ein vereinfachtes Bild, aber wenn Gott es gut mit homosexuellen Menschen meint – was ist hier die Herdplatte? Ist es eine liebevolle Beziehung zwischen zwei Menschen? Auf irgendeiner geistlichen Ebene, die weder verifizierbar noch falsifizierbar ist, kann das natürlich sein.
Aber über die Existenz einer anderen heißen Herdplatte und deren realen Verbrennungen bin ich mir im Klaren: Selbsthass. Das vergiftet den Menschen von innen, raubt Energie, dient niemandem zum Guten. Vielleicht ist das eine falsche Dichotomie, und man kann tatsächlich eine konservative Position einnehmen, ohne sich selbst abzulehnen. Aber in vielen Geschichten von Betroffenen ist das nicht der Fall.
In einem Gespräch mit einem schwulen Mann, zu einem Zeitpunkt, zu dem ich selbst noch die konservative Position vertrat, hat er mich mit einer Frage konfrontiert, die mich noch lange beschäftigt hat:
„Was bringt eine Theologie, die Menschen in den Selbstmord führt?“
Es ist statistisch belegt, dass das Suizidrisiko bei Menschen, die zur LGBT sind und in ihrem Umfeld keine Akzeptanz erleben, mehr als doppelt so hoch ist wie bei denen, die akzeptiert werden. Wenn das keine heiße Herdplatte ist, weiß ich nicht, was es sonst sein soll.
Ich halte die aktuell gängige evangelikale Position für weniger menschenfeindlich als die Überzeugungen von einem Großteil der Christenheit in der Kirchengeschichte – Aber sie bleibt weiter potenziell gefährlich. So gut man es auch zu verkleiden versucht, es bleibt dabei, dass Menschen aufgrund einer nicht willentlich veränderbaren Eigenschaft beschämt und eingeschränkt werden.
(Appell an ChristInnen: Wenn du diese Meinung vertrittst, sei dir dessen bewusst. Ich kann mich da hineinversetzen und das respektieren, aber möchte dich bitten: Vertritt deine Position so, dass Menschen nicht zu Schaden kommen. So, dass Leben bejaht wird, Menschen respektiert, wertgeschätzt und stehengelassen werden. Das sagt nicht die Atheistin in mir, das sage ich in Bezug auf deinen Gott. Wenn dieser Gott die Liebe ist und du das mit anderen Leuten teilen möchtest, geh damit auf die Straße. Bringe Leuten diese gute Botschaft, bevor du ihnen deine Sexualmoral predigst.
Und hab keine Angst: Du darfst deine Meinung kundtun. Deine Religionsfreiheit ist gewährleistet, solang du nicht beleidigend wirst. Das Thema wird aus dieser Angst heraus schnell politisch, und ich verstehe, dass du deine dich um deine Rechte sorgst. Und dafür darfst du gern einstehen. Aber bitte vergiss dabei nie, dass es hier um Menschen geht.)
"The whole room would be silent."
Das zu Anfang beschriebene Video fand auf einer säkularen Plattform statt. Allerdings entwickelte sich das Gespräch schnell zu einer theologischen Diskussion, was in den Kommentaren zum Video viel kritisiert wurde. Dieser Kommentar fast es gut zusammen:
“One of the lgbt people should’ve said “Can y’all give a reason why lgbt is wrong without bringing any type of religion into it?” The whole room would be silent.”
Natürlich dürfen Christen diese Diskussion, wie eben beschrieben, auf theologischer Ebene führen. Aber dabei muss ihnen bewusst sein, dass diese Art von Argumenten dann in nicht-christlichen Kontexten völlig bedeutungslos sind. Verbote, die nur theologisch begründet werden, sind in einer zunehmend säkularen Gesellschaft nicht mehr anschlussfähig. Was da in Römer 1 zu dem Thema wie ausgelegt werden kann, ist schlichtweg irrelevant.
Besonders angesichts dessen, dass die Argumente auf allen nichttheologischen Ebenen dafür sprechen, „diese Menschen“ in Beziehungen leben zu lassen. Innerweltlich bringt das (utilitaristisch betrachtet) positive Folgen für die Psyche, die Entfaltung und die Lebenszufriedenheit „dieser Menschen“, während ihre präferierte Beziehungsform dabei niemandem schadet.
Homosexuelle Menschen existieren und wollen ihr Leben leben. Aus meiner aktuellen Position heraus muss ich zugeben, dass mir die theologische Debatte relativ egal ist. Sie wird mir erst dann wichtig, wenn ich wahrnehme, dass sie negative Konsequenzen auf die echte Welt hat. Echte Menschen und echte Beziehungen zerbrechen an ihr. Und das muss wirklich nicht sein.
Soviel von mir – was sind deine Gedanken zu dem Thema? Schreib es mir gern in die Kommentare! Melde dich auch, und gerade dann, wenn du dich falsch verstanden fühlst oder ich deine Position in irgendeiner Weise nicht gerecht dargestellt habe! Ich freu mich, von dir zu hören :)
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