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Unser Gehirn ist leistungsfähig - aber auch effizient & sparsam: Deshalb gibt es kognitive Verzerrungen.
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Ich stelle anhand von drei Bereichen Thesen auf, wie diese Verzerrungen Theologie prägen könnten.
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Zum Schluss geht es darum, was das mit uns zu tun hat.
Im Laufe meiner Depression habe ich viel übers Denken nachgedacht. Das hatte besonders einen Grund: Eigentlich hatte ich es immer geliebt, ein denkendes Wesen zu sein. Ich liebte es, Zusammenhänge zu erkennen, Dinge rational zu betrachten.
Aber in der Episode nahm ich deutlich wahr, dass die Depression mein Denken verändert hatte. Ich fühlte mich gefangen in meinem Kopf. Er war nicht wie sonst meine Ressource, um eine Lösung zu finden.
Ein Lied, das diesen Kampf gegen das eigene Hirn beschreibt, ist Migraine von 21 Pilots. In einer Zeile heißt es:
„’Cause sometimes to stay alive you gotta kill your mind“
Ich merkte, dass ich mich selbst austricksen musste, um mich am Leben zu halten. Suizid war in meinem Denken das logischste überhaupt: Mein Argument dafür war deduktiv gültig, aber nicht stichhaltig: Ich wusste, dass meine Prämissen falsch waren – auch wenn ich sie vertrat. Aber wie war ich zu diesen Prämissen gelangt? Um mir diese Frage zu beantworten, fing ich an, mich näher mit kognitiven Verzerrungen zu beschäftigen.
Kognitive Verzerrungen
Kognitive Verzerrungen sind Abkürzungen, die unser Gehirn nimmt. Sie sind die automatischen Abläufe des Menschen, Informationen effizient zu verarbeiten. Damit erfüllen sie den Zweck, unser Leben zu erleichtern – meistens zumindest. Deswegen können wir sie nicht alle als Denkfehler über einen Kamm scheren. Aber sie sind nicht unbedingt die verlässlichste Variante, um zu einem möglichst wahren Ergebnis zu kommen. In einigen Verzerrungen fand ich Erklärungsansätze dafür, was die Brille Depression mit meinem Kopf gemacht hatte – dazu gleich mehr.
Doch kognitive Verzerrungen prägen aber nicht nur depressive Menschen: Sie sind unser aller täglich Brot. Aber nur selten sind wir uns ihrer bewusst. In meiner Beschäftigung mit dem Thema habe ich auch darüber nachgedacht, wie sie vielleicht auch Theologie und christliche Kultur prägen könnten.
Hier geht’s um die theologischen Verzerrungen, an anderer Stelle um die kulturellen. Zunächst noch zwei Vorbemerkungen:
1.) Wenn eine Verzerrung vorhanden ist, sagt noch nicht notwendigerweise etwas über den Wahrheitsgehalt der Aussage aus. Es kann höchstens die menschliche Komponente der Wahrnehmung von Gott und seinem Wort darstellen. Oder eben, welche menschlichen Tendenzen Religionen prägen – je nachdem, welche Vorannahmen man mitbringt.
2.) Manche dieser Tendenzen finden sich nur in bestimmten Denominationen. Das Reflektieren ist dennoch für alle relevant, die sich objektiver mit theologischen Themen befassen wollen.
Außerdem ein Disclaimer: Ich bin weder Psychologin, noch Evolutionsforscherin, noch auf irgendeine andere Art und Weise dazu qualifiziert, diesen Beitrag zu verfassen. Ich habe etwas gelesen, gehört, reflektiert und transferiert. Bitte korrigiere mich, wenn du irgendetwas besser weißt!
1. Der Bestätigungsfehler
Die Verzerrung, die mein Denken in der Depression am stärksten bestimmte, war der Bestätigungsfehler.
Dieser beschreibt die menschliche Tendenz, Informationen so auszuwählen, wahrzunehmen und einzuordnen, dass die eigene Position bestätigt wird. Dabei werden gegenteilige Informationen ausgeblendet oder rationalisiert um die bestehenden Überzeugungen zu bekräftigen.
Wenn also die depressive Person denkt, sie sei wertlos und eine Last für andere, nimmt sie tendenziell die Situationen wahr, in denen das Gefühl bestätigt wird. So sagt sie also nach einem Misserfolg am Vormittag zu sich: „Siehst du? Hab ich doch gesagt.“, während das Erfolgserlebnis am Nachmittag unbeachtet an ihr vorbeizieht.
Wo ist das vielleicht theologisch verwertbar? Ich habe drei Ideen.
1. Der Bestätigungsfehler führt zur selektiven Wahrnehmung.
Ein Beispiel dafür ist die christliche Wahrnehmung der Prophetien in der Hebräischen Bibel. Bestimmte Stellen werden so interpretiert, als würden sie genau auf Jesus hindeuten. Dabei werden andere Ansprüche, die Juden an ihren Messias haben, ausgeblendet (oder auf das zweite Kommen Jesu verschoben – was in dieselbe Kategorie fällt, da die jüdische Auslegung den Messias nur einmal erwartet…). Das passiert schnell – häufig unbewusst – und so wird übersehen, dass man schon mit einer dicken Brille an den Text herantritt.
2. Eng damit verbunden ist der Zirkelschluss. Das heißt, dass das Ergebnis bereits eine Prämisse ist, mit der man anfängt.
Ein theologisches Beispiel ist die Irrtumslosigkeit der Bibel. Wenn man schon voraussetzt, dass die Bibel das irrtumslose Wort Gottes ist, nimmt man an der Bibel auch nur das wahr, was man als perfekt betrachtet. Der Rest wird irgendwie harmonisiert oder der Begriff der Irrtumslosigkeit wird so umdefiniert, dass widersprüchliche Inhalte hineinpassen.
3. In eine ähnliche Kategorie fällt der Rückschaufehler. Technisch gesprochen geht es dabei darum, dass man rückblickend die Eintreffwahrscheinlichkeit der gegenwärtigen Situation überschätzt. Im Englischen ist der Fehler deshalb auch unter dem Synonym„knew-it-all-along effect“ bekannt.
Das kann theologisch zum Beispiel da zum Einsatz kommen, wo der „Rote Faden“ in Geschichten oder auch der Heilsgeschichte überbetont wird. Rückblickend wird gesagt, dass es genau so hätte passieren müssen und das ja auch schon zu früheren Zeitpunkten im heilsgeschichtlichen Prozess deutlich gewesen wäre.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Bestätigungsfehler Theologie in Form von selektiver Wahrnehmung, Zirkelschlüssen und Rückschaufehlern prägen kann.
2. Anthropozentrisches Denken
Ein zweiter Bereich der Verzerrungen, der Theologie prägen kann, ist das anthropozentrische Denken, aus dem auch ein teleologischer Blick auf die Welt entstehen kann.
Beim Anthropozentrismus geht es darum, dass Menschen in ihrer Wahrnehmung stark von menschlichen Analogien geprägt sind.
Ich habe drei Beispiele dafür, wie diese Perspektive unsere Theologie prägen kann.
1. Anthropozentrisches Denken kann das Gottesbild vermenschlichen.
Eine offensichtliche Konsequenz dieser Heuristik ist, dass Menschen in sehr anthropomorphen Bildern von Gott sprechen. Nun liegt dem vielleicht zugrunde, dass Gott in solchen Bildern von sich sprechen lässt.
Dennoch setzen theologische Aussagen häufig unbewusst ein menschliches Gottesbild voraus, das schnell an Grenzen stößt: Hat Gott Bedürfnisse? Wenn nicht, warum hat er Emotionen? Noch einfacher: Hat er einen Körper? All diese Fragen ergeben sich daraus, dass wir nur in menschlichen Kategorien der Wahrnehmung über Gott sprechen (können).
Wenn man sich dieser menschlichen Tendenz aber bewusst ist und diese in seiner theologischen Urteilsfindung berücksichtigt, könnte das so mancher Predigt guttun.
2. Anthropozentrisches Denken kann dazu führen, Gott an Orten zu vermuten, wo er nicht ist.
Der passiert beispielsweise durch Pareidolie. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Phänomen, bei dem eine vage und unklare visuelle oder auditive Wahrnehmung fehlinterpretiert wird und als etwas Sinnvolles oder Bekanntes interpretiert wird, das objektiv betrachtet nicht vorhanden ist.
So zum Beispiel das Gesicht im Mond, in den Zweigen des Baumes oder in den Wolken am Himmel.
Das Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik schreibt dazu:
Bekanntlich gehen Menschen generell mit einer Erwartungshaltung durch die Welt, sodass sie die Welt mit ihrer Erwartungshaltung und ihren Denkkonzepten scannen. Daher scheinen die Art und Gestalt von Trugbildern von der Erwartung des Gehirns abzuhängen, wobei eben auf Grund der Erfahrung besonders häufig menschliche Gesichter erwartet und daher auch wahrgenommen werden. Möglicherweise beruht das auf einer natürlichen Alarmfunktion, die sicherstellen soll, dass der Mensch im Alltag auch sich versteckende Personen und Gesichter ausfindig machen kann, denn das vermittelt die Sicherheit, alles unter Kontrolle zu haben. (Stangl, 2024).
Pareidolie ist also eine spezifische Form der Mustererkennung. Wir Menschen suchen und finden überall Muster – auch in zufälligen oder unregelmäßigen Reizen, die eigentlich keine spezifische Bedeutung haben oder keinem System folgen. Das kann dazu führen, dass wir Erlebnisse überinterpretieren – auch theologisch.
3. Anthropozentrisches Denken führt dazu, dass wir lebendige Ursachen für (zufällige) Ereignisse suchen.
In der evolutionären Psychologie nennt sich das „Agent Detection„.
Stell dir als Beispiel zwei Hasen (Hase A + B) vor, die auf der Wiese chillen. Plötzlich ist ein Rascheln im Gebüsch zu hören. Hase A kaut genüsslich weiter seinen Löwenzahn, weil er das Geräusch dem Wind zuschreibt. Hase B hingegen hüpft weg, da er zu Recht annimmt, dass sich ein Fuchs im Dickicht versteckt. Welcher Hase wird dem Fuchs wohl als Snack dienlich werden?
Die Attribution von Reizen zu lebendigen, vielleicht gefährlichen Ursachen wird schnell zum Selektionsfaktor und evolutionären Vorteil für Hase B.
Auf den Menschen übertragen begründet das die Tendenz, absichtliche oder lebendige Ursachen für Ereignisse anzunehmen, selbst wenn keine solchen Ursachen vorhanden sind.
Diese Tendenz könnte dazu geführt haben, dass Menschen vorsichtiger waren und schneller auf mögliche Gefahren reagierten, auch wenn diese nicht immer wirklich existent waren. Besonders in Verknüpfung mit dem menschlichen Bedürfnis, die Welt zu verstehen und Sinn im Leid zu finden, könnte das ein Erklärungsansatz sein. Als Beispiel hier ein Mythos aus Japan zur Erklärung eines Tsunamis:
Es ist dunkel und kalt, als der Donnervogel majestätisch über die Wasser schwebt. Er schwingt seine gigantischen Flügel und nähert sich zielstrebig der Wasseroberfläche. Er streckt seine Krallen aus und greift in das Wasser. Sie umschließen ein Lebewesen: einen Wal. Mit großem Kraftaufwand bewegt sich der Donnervogel wieder gen Himmel. Aber der Wal ist ihm zu schwer: Er löst den Griff und der Wal fällt zurück ins Wasser. Zwar sah niemand den Donnervogel kommen, niemand sah den Wal ins Wasser fallen, aber die Konsequenzen spürten alle: Das Wasser bäumt sich auf, kommt über seine Grenzen und wallt über das Land. Manche Menschen steigen schnell genug in ihre Kanus und entkommen der Flut, aber ganze Dörfer werden verwüstet.
Stell dir vor, du bist ein Mensch, der es auf ein Kanu geschaffen hat. Stunden später sitzt du inmitten der Ruinen deines ehemaligen Dorfs mit deinem deutlich dezimierten Clan um ein Lagerfeuer. Du verstehst die Welt nicht mehr. Was ist passiert? Wie kam diese Welle mitten in die Nacht aus dem Nichts und hat alles zerstört? So eine starke Wirkung muss doch auch eine starke Ursache haben! Du suchst nach einer Erklärung. Und so entsteht der Mythos des Donnervogels.
In anderen Kulturen wurde im Zuge solcher anthropomorphen Interpretation der Welt Götter als solche übergeordneten Wesen und Ursachen vorgebracht. So werden beispielsweise Gewitter wurden als Wutausbrüche in der Götterwelt betrachtet.
Aber nicht nur Naturphänomene werden theologisch ausgeschlachtet: Auch Krankheit, Kriege und Befindlichkeiten verschiedener Völker werden theologisch als Strafe Gottes oder der Götter gedeutet. Das ist auch biblisch so. Verschiedenste Umstände Israels werden auf Strafen Gottes zurückgeführt. Damit wird nicht nur dem übertragenen Rascheln im Busch eine personelle Ursache zugeordnet, sondern auch Sinn und Halt in den brutalen Realitäten der Welt gefunden.
Zusammenfassend könnte die Entstehung von Theologie(n) unter anderem auf die Tendenz des Menschen, die Geschehnisse der Welt durch die anthropomorphe Brille zu betrachten, zurückgeführt werden.
3. Der Backfire-Effekt
Mein drittes Beispiel an dieser Stelle ist der „Backfire effect“. Anekdotisch kennt ihn jeder: Man ist in einer Diskussion und das Gegenargument des anderen hat anstatt mich zu überzeugen, nur dazu geführt, dass ich noch stärker auf meine Position beharre.
Anstatt meine Meinung zu ändern, verstärkt die Konfrontation mit gegenteiligen Informationen manchmal sogar meine ursprüngliche Position.
Das kann z.B. diese drei Gründe haben:
1. Kognitive Dissonanz: Wenn neue Informationen im Widerspruch zu den bestehenden Überzeugungen stehen, entsteht in Menschen eine Spannung – und Spannungen sind unangenehm. Menschen haben das Bedürfnis, konsistent zu sein. Daher kann es einfacher sein, neue Informationen abzulehnen, als die bestehende Überzeugung zu ändern.
2. Diesen Grund kennst du schon: Es ist der Bestätigungsfehler. Menschen haben den Wunsch, Unsicherheit und Ambiguität zu reduzieren, indem sie schnell zu Schlussfolgerungen und damit zu festen Überzeugungen gelangen. In gewisser Weise verstärkt dieser den Backfire-Effekt, da die Person fest davon überzeugt sein kann, dass sie bereits die „richtige“Antwort oder Position gefunden hat und daher nicht offen für alternative Perspektiven ist.
3. Identität und Zugehörigkeit: Manche Überzeugungen sind eng mit der persönlichen Identität verbunden. So können widerstrebende Informationen als Bedrohung für ihre Identität empfunden werden. In solchen Fällen kann der Backfire-Effekt besonders stark auftreten, da Menschen oft bereit sind, ihre Identität zu verteidigen. Diese Bereitschaft ist tendenziell höher, wenn bereits viel in diese Position hineininvestiert wurde. Das Phänomen nennt sich „Sunk-Cost-Fallacy“: Wenn etwas schon „teuer“ für und war, ist es eine größere Überwindung, es aufzugeben.
Theologisch ist dieser Effekt tief verankert. Theologien haben sich häufig in Abgrenzungen zu anderen Religionen, Kulturen oder auch Konfessionen der eigenen Religion entwickelt und verschärft. Besonders in der evangelikalen Welt ist „Identität durch Abgrenzung” ein großer Bestandteil der Glaubenspraxis.
Auch ein evangelikales Phänomen der westlichen Welt ist der „Christian Persecution Complex“. Vorab: Natürlich gibt es Christenverfolgung – und das ist furchtbar. Hier geht es aber um das Phänomen der Christen im Westen, die sich aufgrund ihrer Ethik verfolgt fühlen. Diese „Verfolgung“ führt in manchen Fällen zur Radikalisierung der Position: Als Reaktion auf den Gegenwind entsteht genau dieser Backfire-Effekt.
Nicht nur aus psychologischen Gründen: „Verfolgung“ ist auch genau das, was sie biblisch erwarten, da Jesus es vorhergesagt hat. So ist genau dieser Effekt in die christliche Theologie eingebaut.
Was das für die Praxis bedeutet
Wir haben gesehen: So wie unsere gedanklichen Abkürzungen unseren Alltag prägen, können sie auch als Erklärung für so manches theologisches Konzept angebracht werden.
Je nachdem, mit welchen Denkvoraussetzungen du gerade vor deinem Bildschirm sitzt und diesen Beitrag liest, hat dieses Thema unterschiedliche Implikationen für dich:
Für mich als agnostische Atheistin ist es psychologisch und kulturell spannend. Und es hilft mir, einen gelasseneren Blick auf bestimmte Konzepte zu entwickeln, die mich geprägt haben. Außerdem macht es mich in meiner Urteilsfindung demütiger, mir die Fehleranfälligkeit menschlicher Erkenntnis regelmäßig vor Augen zu führen. Es macht „Ich weiß es nicht“ zu einer weniger beängstigenden Antwort auf die Fragen des Lebens.
Wenn du ChristIn bist, kann es hilfreich sein, sich dieser Prozesse bewusstzuwerden, um an mancher Stelle nochmal genauer über seine Erkenntnistheorie nachzudenken. Vielleicht siehst du es ja sogar als etwas Positives, dass Gott sich durch solche Dinge offenbart? Das würde mich echt interessieren, schreib mir gern, was das mit dir und deinem Gottesbild macht!
Für alle irgendwo dazwischen oder abseits davon kann es vielleicht ein bisschen von beidem sein.
Was denkst du zu dem Thema? Schreib es mir gern in die Kommentare!
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